Impuls aus der Spitze: Die Vorstandskolumne

von Stefanie Stoff-Ahnis

Primärversorgung: Leitsystem durch den Termindschungel

Oktober 2026

Viele Menschen erleben unsere ambulante Gesundheitsversorgung als unübersichtlich. Wer ist eigentlich meine erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Beschwerden? Brauche ich wirklich einen Arzttermin und woher bekomme ich den? Warum hängt eine Terminvergabe manchmal noch zu sehr von Zufall, Hartnäckigkeit oder dem Versicherungsstatus ab? Für mich ist klar: Wir brauchen eine Primärversorgung, die Menschen gut und fair durch das System leitet. Einfach, verlässlich und ausschließlich orientiert am medizinischen Bedarf.

Entscheidend für den Erfolg von Primärversorgung ist eine ausschließlich an der medizinischen Dringlichkeit orientierte Versorgungssteuerung. Weiterer wichtiger Hebel ist eine digitale Unterstützung der Prozesse: Maßgeblich hierfür ist die Kombination aus eÜberweisung und daran geknüpfte eTerminvermittlung, die eine systematische Steuerung von Patientinnen und Patienten nach ihrer medizinischen Dringlichkeit ermöglicht und insbesondere zeitnah notwendige fachärztliche Behandlungen beschleunigt.

Lotsenfunktion für die Ärzteschaft

Primärversorgungspraxen übernehmen die zentrale Lotsenfunktion im Gesundheitssystem: Sie sind die erste ärztliche Anlaufstelle, behandeln möglichst fallabschließend und koordinieren, sofern erforderlich, die weitere Versorgung.

Heute funktioniert das oft noch nicht gut genug. Dabei sollen Hausärztinnen und -ärzte schon heute ihre Patientinnen und Patienten durch das System begleiten. Aber wenn bei Weiterbehandlungsbedarf nur ein Überweisungsschein in Papierform übergeben wird, fehlen genau die Transparenz und Verknüpfung, die gute Versorgung braucht: Findet die Patientin, der Patient überhaupt in der gebotenen Zeit eine fachärztliche Praxis? Und landen dort im Vorfeld auch alle verfügbaren Informationen, die Diagnostik und Behandlung erleichtern?

Versorgung ganzheitlich denken

Deshalb reicht es nicht, lediglich über Einschreibemodelle oder einzelne Vertragsformen zu diskutieren. Wir brauchen für alle gesetzlich Versicherten ein ambulantes System, das Versorgung besser koordiniert. Hierfür müssen Hausärztinnen und -ärzte künftig mit digitalen Tools unterstützt werden: digitale Bedarfseinschätzung, elektronische Überweisung und digital unterstützte Terminvermittlung.

Daraus folgen klare Prozesse und eine strikte Orientierung an medizinischer Dringlichkeit. Über die Geschwindigkeit der Terminvergabe entscheidet künftig der medizinische Bedarf, nicht der Versichertenstatus. Das Ziel ist nicht mehr Bürokratie, sondern Orientierung (und dadurch mehr Sicherheit) für Menschen im Gesundheitssystem, weniger Doppeluntersuchungen sowie schnellere Versorgung bei akutem Bedarf. Denn gute und gerechte Versorgung darf nicht davon abhängen, ob jemand privat oder gesetzlich versichert ist oder zufällig den richtigen Kontakt hat.

Zur Person

Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes

Stefanie Stoff-Ahnis ist seit 2019 Vorstandsmitglied beim GKV-Spitzenverband, seit 2025 hat sie die Funktion der stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden inne.

Die Juristin ist seit über 20 Jahren im Gesundheitswesen tätig. Nach Tätigkeit im Bereich der außerklinischen Intensivpflege war sie gut zwölf Jahre bei der heutigen AOK Nordost beschäftigt, seit 2016 als Mitglied der Geschäfts­lei­tung im Ressort Versor­gung.

Beim GKV-Spitzenverband verantwortet sie die Abteilungen Ambulante Versorgung, Krankenhäuser und Arzneimittel sowie den Stabsbereich Vertragsanalyse.

Bleiben Sie auf dem Laufenden