Serie: Qualitätssicherung für bessere Versorgung

Dekubitus: Guter Indikator für Pflegequalität

September 2021

Rund 65.000 Menschen pro Jahr entwickeln im Krankenhaus einen Dekubitus, d. h. ein durch langes Liegen und verminderte Beweglichkeit verursachtes Druckgeschwür auf der Haut. Erfreulicherweise ist die Zahl der Dekubitusfälle rückläufig. Durch gute Beobachtung und Untersuchung seitens des Pflegepersonals kann die Entstehung eines solchen oftmals sehr schmerzhaften Druckgeschwürs einfach verhindert werden. Daher ist die Häufigkeit von Dekubitus ein guter Indikator für die Pflegequalität eines Krankenhauses.

Warum hat der Dekubitus so hohe Bedeutung für die Qualität der Pflege?

Ein Dekubitus kann im stationären Krankenhausalltag einfach mittels Beobachtung und körperlicher Untersuchung durch die Pflegenden festgestellt werden. Für die Diagnosestellung ist keine aufwendige apparative Diagnostik notwendig. Ein wichtiges Ziel der Pflege ist es, dem Entstehen von Druckgeschwüren während des stationären Aufenthaltes vorzubeugen – ganz besonders bei Personen mit erhöhtem Dekubitus-Risiko, denn eine solche Wunde kann für die Patientinnen und Patienten sehr schmerzhaft und mit einem hohen Leidensdruck verbunden sein. Zudem sind Behandlung und Heilungsprozess oft sehr langwierig. Wichtig für die Vorbeugung eines Druckgeschwüres sind

  • das Erkennen des Patientenrisikos, einen Dekubitus zu entwickeln,
  • die Beurteilung der Haut und des Gewebes,
  • die frühzeitige Mobilisation,
  • die regelmäßige Positionsänderung von liegenden und sitzenden Personen,
  • die Schonung des Hautgewebes
  • und die vorbeugende Hautpflege.

Aber auch die Anleitung der Patientinnen und Patienten sowie der Einsatz von Hilfsmitteln wie Weichlagerungsmatratzen und druckverteilende Unterlagen sind zu beachtende Punkte (Haesler E. 2014). Fast immer lässt sich ein Dekubitus durch vorbeugende bzw. rechtzeitig eingeleitete Maßnahmen vermeiden.

Aufgrund der besonderen Bedeutung gibt es für die Pflege einen sogenannten Expertenstandard (vergleichbar mit einer hochwertigen Leitlinie für die medizinische Versorgung), in dem, wissenschaftlich begründet, die Maßnahmen zur Vorbeugung, Einschätzung und Behandlung von Druckgeschwüren beschrieben werden.


Eine Pflegerin hält eine Dekubitus Unterlage für einen Patienten im Krankenbett.

Häufigkeit neu aufgetretener Druckgeschwüre als Indikator für die Qualität der Pflege

Da durch eine sachgerechte Prophylaxe die Neuentstehung eines Dekubitus im Krankenhaus in fast allen Fällen verhindert werden kann, hat die Häufigkeit des Auftretens von Druckgeschwüren im Krankenhaus als Kennzahl zur Bewertung der Qualität der Pflege große Bedeutung. Daher wird dieser Aspekt auch in der für alle Krankenhäuser verpflichtenden Qualitätssicherung durch zwei Qualitätsindikatoren abgebildet:

  • Risikoadjustierte Häufigkeit, mit der höhergradige Druckgeschwüre während eines Krankenhausaufenthalts neu auftreten. Hierfür werden alle Patientinnen und Patienten ab 20 Jahren in allen Fachabteilungen aller Krankenhäuser betrachtet
  • Häufigkeit des Neuauftretens schwerster Druckgeschwüre während eines Krankenhausaufenthalts

Übersicht: Grade des Dekubitus

In Abhängigkeit der Hautveränderungen wird der Dekubitus in verschiedene Kategorien unterteilt. Das Druckgeschwür durchwandert bei der Entstehung jedoch nicht zwingend alle Stadien. In der externen stationären Qualitätssicherung werden folgende vier Kategorien betrachtet:

Druckzone mit nicht wegdrückbarer Rötung bei intakter Haut

Dekubitus mit Abschürfung, Blase, Teilverlust der Haut mit Einbeziehung von Epidermis (äußerste Hautschicht) und/oder Dermis (Lederhaut, die unter der äußersten Hautschicht liegt) oder Hautverlust ohne nähere Angaben

Dekubitus mit Verlust aller Hautschichten mit Schädigung oder Nekrose (Absterben) des subkutanen Gewebes, die bis auf die darunterliegende Faszie (faserige Bindegewebsschicht) reichen kann

Dekubitus mit Nekrose (Absterben) von Muskeln, Knochen oder stützenden Strukturen (z. B. Sehnen oder Gelenkkapseln)

Der Qualitätsindikator erfasst das Verhältnis der beobachteten Rate, also der tatsächlichen Häufigkeit von neu aufgetretenen Druckgeschwüren, zur erwarteten Rate, also der theoretischen Zahl von Druckgeschwüren, die in dem Krankenhaus aufgrund des Risikoprofils der behandelten Patientinnen und Patienten „erwartet“ werden können.

Dabei wird das Risikoprofil der Patientin oder des Patienten mit betrachtet: Risikofaktoren, die in der Qualitätssicherung berücksichtigt werden, sind das Alter, eine eingeschränkte Beweglichkeit der Patienten und Patientinnen, das Körpergewicht, Diabetes mellitus, Infektionen, Demenz oder Aufmerksamkeitsstörungen, Inkontinenz, Dauer einer Beatmung und weitere schwere Erkrankungen (IQTIG 2020a).

Die Berücksichtigung dieser Risikofaktoren bei der Berechnung des Qualitätsindikators wird als Risikoadjustierung bezeichnet. Sie ist notwendig, um die Qualität der Krankenhäuser fair miteinander vergleichen zu können. So kann ein Krankenhaus, welches vorwiegend schwerstkranke bettlägerige Patientinnen und Patienten behandelt, eine höhere Anzahl an neu aufgetretenen Druckgeschwüren aufweisen als ein Krankenhaus, welches vorwiegend junge und mobile Patientinnen und Patienten behandelt. Der Vergleich der Pflegequalität anhand der beobachteten Druckgeschwüre ist daher nur möglich, wenn die unterschiedlichen Risikoprofile der Patientinnen und Patienten berücksichtigt werden.

Ergebnisse der Qualitätsindikatoren zum Dekubitus

Vor der Corona-Pandemie wurden in deutschen Krankenhäusern im Schnitt jährlich über 17 Millionen Fälle behandelt. Bei einem Anteil von 0,37 bis 0,40 Prozent der Krankenhausfälle kam es in den Jahren von 2015 bis 2019 zur Entwicklung eines Dekubitus (siehe Tabelle 1). Dies entspricht einer absoluten Anzahl von knapp 65.000 bis etwas mehr als 70.000 Druckgeschwüren, die jährlich im Krankenhaus neu entstanden sind.

Die risikoadjustierten Indikatoren werden als O/E-Rate, d. h. als Verhältnis von beobachteten Fällen (O = observed) geteilt durch die erwarteten Fälle (E = expected) dargestellt. Für die Häufigkeit neu entstandener höhergradiger Druckgeschwüre zeigte in den letzten Jahren diese Rate einen Wert um 1. In den Jahren 2016 und 2019 fand sich jeweils tendenziell eine statistisch signifikante Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr, die Zahl der beobachteten Fälle war also deutlich niedriger als die Zahl der erwarteten Fälle. Dies spiegelt sich ebenfalls in einer Abnahme der absoluten Anzahl von Druckgeschwüren im Vergleich zum Vorjahr für die Jahre 2016 und 2019 wider.

Der Verlauf der absoluten Fallzahl von Druckgeschwüren der Kategorie 4, also der schwersten Form eines Dekubitus, zeigt von 2015 bis 2019 einen kontinuierlichen Rückgang, es ist fast zu einer Halbierung der Fälle gekommen. Der jährliche Anteil an allen behandelten Krankenhausfällen liegt im Durchschnitt über die Jahre bei 0,01 Prozent und ist somit sehr niedrig. Jedoch muss jeder Einzelfall eines neu entstandenen Druckgeschwüres als ein Fall zu viel betrachtet werden.

Insgesamt zeigt sich für die Häufigkeit der neu entstandenen Druckgeschwüre in den vergangenen Jahren eine Tendenz zur Verbesserung.

Qualitätsindikator „Risikoadjustierte Häufigkeit von neu aufgetretenen höhergradigen Druckgeschwüren während des stationären Aufenthaltes“

Daten der Qualitätsindikatoren für die Jahre 2015 bis 2019. Quellen: IQTIG Bundesauswertungen 2019, 2018, 2017, 2016, 2015.
Das Merkmal "Anzahl Fälle" umfasst alle vollstationär behandelten Patientinnen und Patienten ab 20 Jahren mit mindestens einem Dekubitus in der betrachteten Kategorie.
Das Merkmal „signifikante Veränderung im Vergleich zum Vorjahr“ zeigt an, ob sich das Ergebnis bei einem Qualitätsindikator im Vergleich zum Vorjahr statistisch signifikant verändert hat.
* Es erfolgten umfangreiche Änderungen in der Spezifikation der QS-Dokumentation und der Risikostatistik, weshalb kein Tendenzvergleich mit dem Vorjahr möglich ist.

Erfassungsjahre 2015 2016 2017 2018 2019
Anzahl Fälle gesamt 70.660 67.489 67.825 68.093 64.756
Rohe Rate 0,40% 0,38% 0,39% 0,39% 0,37%
O/E-Rate 0,99 0,95 1,01 1,06 0,99
signifikante Veränderung im Vergleich zum Vorjahr nein ja nein* nein* ja

Qualitätsindikator: „Häufigkeit des Neuauftretens schwerster Druckgeschwüre (vierten Grades) während eines Krankenhausaufenthalts“

Erfassungsjahre 2015 2016 2017 2018 2019
Anzahl Fälle gesamt 1605 1232 1137 970 869
Rohe Rate 0,01% 0,01% 0,01% 0,01% 0,00%
signifikante Veränderung im Vergleich zum Vorjahr nein nein nein nein nein

Kliniksuchmaschinen im Internet

Die Ergebnisse der Qualitätssicherung – auch für den Dekubitus - sind über sogenannte Kliniksuchmaschinen für jedes Krankenhaus in Deutschland abrufbar. Die Krankenkassen bzw. ihre Verbände und andere Organisationen bieten solche Kliniksuchmaschinen auf ihren Internetseiten an.

Eine Übersicht ausgewählter Links zu den veröffentlichen Ergebnissen in den Qualitätsberichten der Krankenhäuser finden Sie hier.

Über die Serie

Patientinnen und Patienten sollen sich darauf verlassen können, dass sie in Krankenhäusern, Arzt- und Zahnarztpraxen qualitativ hochwertig und auf dem neuesten Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse versorgt werden. Daher hat der Gesetzgeber verschiedene Maßnahmen der Qualitätssicherung vorgesehen, zum Beispiel, welche technische Ausstattung und Qualifikationen von Ärzten, Ärztinnen und Pflegepersonal notwendig sind (Strukturqualität), wieviel Erfahrung und Expertise vorhanden sein sollte (Mindestmengen), wie die Versorgungsprozesse optimal gestalten werden können (Qualitätsmanagement) und auch, dass über Behandlungsergebnisse (Ergebnisqualität) öffentlich berichtet werden muss (Qualitätsberichte Krankenhäuser). So können die Patientinnen und Patienten sich über die Qualität informieren und diese bei der Wahl z. B. eines Krankenhauses für einen bestimmten Eingriff berücksichtigen. Um diese Vorgaben umzusetzen, hat der Gesetzgeber den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) betraut, der durch Richtlinien und Beschlüsse verbindliche Regelungen für die Krankenhäuser, Arzt- und Zahnarztpraxen aber auch für die Krankenkassen erlässt.

Der GKV-Spitzenverband ist als ein Träger des G-BA in den jeweiligen Gremien und Arbeitsgruppen des G-BA die Ausgestaltung und Umsetzung der gesetzlichen Anforderungen an die Qualitätssicherung maßgeblich beteiligt und setzt sich insbesondere dafür ein, die Qualität der Behandlungen für die gesetzlich Versicherten sichtbar zu machen. Die gesetzlichen Vorgaben und Richtlinien des G-BA sind jedoch oftmals schwer zu verstehen, und Qualitätsergebnisse nicht einfach in ihrer Bedeutung zu bewerten. Daher stellen wir in jeder Ausgabe von 90 Prozent einen bestimmten Aspekt der Qualitätssicherung ausführlich vor, um einerseits das wichtige Thema Qualitätssicherung bekannter zu machen und andererseits Hilfestellung zu bieten, die Ergebnisse besser zu verstehen. (pfo)

Literatur

Emily Haesler (Ed.). National Pressure Ulcer Advisory Panel, European Pressure Ulcer Advisory Panel and Pan Pacific Pressure Injury Alliance. Prevention and Treatment of Pressure Ulcers: Quick Reference Guide. Cambridge Media: Osborne Park, Australia; 2014. Abgerufen am 31.05.2021 von https://www.epuap.org/wp-content/uploads/2016/10/german_quick-reference-guide.pdf

IQTIG 2020 Bundesauswertung zum Erfassungsjahr 2019 Pflege: Dekubitusprophylaxe. Qualitätsindikatoren und Kennzahlen. Stand 14.07.2020. Abgerufen am 25.05.2021 von https://iqtig.org/downloads/auswertung/2019/dek/QSKH_DEK_2019_BUAW_V02_2020-07-14.pdf

IQTIG 2020a Beschreibung der Qualitätsindikatoren und Kennzahlen nach QSKH-RL Pflege: Dekubitusprophylaxe. Erfassungsjahr 2019. Stand 29.04.2020. Abgerufen am 25.05.2021 von https://iqtig.org/downloads/auswertung/2019/dek/QSKH_DEK_2019_QIDB_V01_2020-04-29.pdf

IQTIG 2020b Qualitätsreport 2020. Abgerufen am 27.05.2021 von https://iqtig.org/downloads/berichte/2019/IQTIG_Qualitaetsreport-2020_2021-02-11.pdf

IQTIG 2019 Qualitätsreport 2019. Abgerufen am 01.06.2021 von https://iqtig.org/downloads/berichte/2018/IQTIG_Qualitaetsreport-2019_2019-09-25.pdf

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