Pflege

Autorenbeitrag von Dr. Christiane Eifert

Interkulturelle Brückenbauerinnen - ein Modellprojekt für die Pflege

September 2016

„Besonders schön ist es natürlich, wenn der Erfolg so deutlich sichtbar wird“, freut sich Helena Miller. Die gebürtige Russin ist 40 Jahre alt, gelernte Arzthelferin und eine von zehn „Brückenbauerinnen“, die im Modellprojekt „Interkulturelle Brückenbauerinnen in der Pflege (IBiP)“ Menschen mit Migrationshintergrund betreut.

Inhalt

Der „Erfolg“, von dem Miller spricht, ist eine 87-jährige pflegebedürftige Frau, die durch Millers interkulturelle Vermittlung eine dringend benötigte Pflegestufe beantragt hat. „Sie hat sich vorher nicht getraut – aus Scham, fremde Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen“, erläutert Miller. Ein häufiges Phänomen: Für Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund ist die Hürde, pflegerische Leistungen zu beantragen, oft deutlich höher als für Deutsche. Nicht nur mangelhafte Sprachkenntnisse, sondern vor allem Scham- und Ehrgefühle sowie ein anderes kulturelles Verständnis von Zuständigkeit für Pflege sorgen dafür, dass ambulante und stationäre Angebote der Pflege von älteren Menschen mit Migrationshintergrund seltener in Anspruch genommen werden. „Inzwischen geht die Dame sogar einmal in der Woche zum Seniorentreff – ich rufe sie immer an und sage ‚Heute geht es los!‘“, ergänzt Miller.

Verbesserte Integration von Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund

Nach einer Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge aus dem Jahr 2012 entspricht der Anteil der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund ungefähr ihrem Anteil an der entsprechenden Gesamtbevölkerung bei älteren Personen. Gleichzeitig konstatiert dieselbe Studie, dass Pflege-Angebote bei älteren Migrantinnen und Migranten jedoch wenig bekannt sind. Im IBiP-Projekt soll die Integration der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in das bestehende Pflegeversicherungssystem mit einer dreifachen Intervention verbessert werden:

  • Zum einen werden in 45 Einrichtungen der interkulturellen Altenhilfe, Pflege und Beratung Informationen über die Angebote der Pflegestützpunkte in mündlicher und schriftlicher Form gegeben, um die eingewanderte Bevölkerung über die Angebote der Pflegeversicherung aufzuklären. Hauptzielgruppe dieser Informations- und Vermittlungstätigkeit sind pflegebedürftige Menschen mit Migrationsgeschichte und ihre Angehörigen in den Berliner Bezirken Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln, in denen der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund hoch ist.
  • Zum zweiten wird die interkulturelle Öffnung von Beratungs- und Pflegeeinrichtungen durch Schulung, Sensibilisierung und Motivierung der Mitarbeitenden befördert. Auch sollen Gutachterinnen und Gutachter des MDK für die besondere Situation von Menschen mit Migrationsgeschichte sensibilisiert werden.
  • Drittens will das Projekt Menschen mit Migrationsgeschichte mithilfe des Vorbildes der Brückenbauerinnen motivieren, sich für haupt- oder ehrenamtliche Arbeit in der Pflege zu qualifizieren.

Im Ergebnis sollen eingewanderte Menschen bei Pflegebedürftigkeit aus eigener Initiative die Pflegeberatung der Pflegekassen und Pflegestützpunkte aufsuchen, ihre Pflegebedürftigkeit begutachten lassen, Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch nehmen und dadurch ihre häusliche Pflegesituation stabilisieren bzw. optimieren. Oft ein mühsamer Prozess, wie Nazife Sari weiß. Sie ist die Projektkoordinatorin der Brückenbauerinnen im Diakonischen Werk Berlin-Stadtmitte: „Es ist nicht einfach, unsere Zielgruppe zu erreichen. Wir müssen kontinuierlich aktiv sein, neue Netzwerke aufbauen, Personen direkt kultursensibel und niedrigschwellig ansprechen. Selbst Info-Flyer in verschiedenen Sprachen helfen nur bedingt. Am besten klappt es mit überzeugender Arbeit und klassischer Mund-zu-Mund-Propaganda - dann kommen die Menschen von sich aus zu uns.“

Integration wird in dem Projekt als ein Prozess konzipiert, der neben der Aufklärung über bestehende Angebote beide beteiligter Seiten zur Kooperation hinführt (Pflegebedürftige und ihre Angehörigen mit der Pflegeberatung, mit dem MDK, mit dem ambulanten Pflegedienst etc.). Zur sachlichen Information über Angebote kommt die wechselseitige Vermittlung von Erwartungen und Wünschen hinzu. Auch ist Raum für Ängste und Sorgen der Ratsuchenden. Mit dem geförderten wechselseitigen Verständnis können Vertrauen und Zusammenarbeit wachsen.

Es ist nicht einfach, unsere Zielgruppe zu erreichen. Wir müssen kontinuierlich aktiv sein, neue Netzwerke aufbauen, Personen direkt kultursensibel und niedrigschwellig ansprechen.

Von der pflegenden Angehörigen zur Brückenbauerin

Zentrale Akteurinnen in dieser Intervention sind zehn qualifizierte Brückenbauerinnen. Diese neun Frauen und ein Mann unterschiedlicher Muttersprache (polnisch, russisch, serbokroatisch, rumänisch, türkisch, arabisch und französisch - für aus Nordafrika eingewanderte Pflegebedürftige) mussten neben ihrem Interesse für die Pflegeversicherung eine persönliche Eignung, gute Deutschkenntnisse, Reflexionsvermögen, Empathie und Flexibilität mitbringen. Auch sollten sie über Erfahrung in der Pflege verfügen – ob beruflich oder privat. Sie haben eine sechsmonatige schulische Qualifizierung durchlaufen. Diese Schulung wurde ergänzt durch Praxistage und Hospitationen in ambulanten Pflegestationen, beim MDK und der Fachstelle für pflegende Angehörige des Diakonischen Werkes Berlin Stadtmitte.

Auch die 36-jährige Gordana Stanojewic hat die Qualifizierung absolviert. Ursprünglich stammt sie aus Rumänien und verfügt aus privaten Gründen bereits über ein Grundwissen im Bereich der Sozialversicherung: „Ich bin über das Jobcenter auf die Schulung aufmerksam geworden. Da ich pflegende Mutter eines behinderten Sohnes bin, hat mich die Möglichkeit gleich interessiert – glücklicherweise habe ich die Kriterien erfüllt.“

Umfassende Qualifizierungsmaßnahme

Das Curriculum des Qualifizierungsplanes gliederte sich in die Themenbereiche: „Soziale Systeme und Arbeitsfelder im Gesundheitswesen“, „Grundlagen in der kultur- und geschlechtsspezifischen Unterstützung in der Pflege“, „Kultur- und geschlechtsspezifische Kommunikation in der Pflege und Beratung“, „Pflege und Betreuungsangebote personenzentriert gestalten“, „Pflegende Angehörige unterstützen“ sowie „Selbst- und Rollenverständnis als interkulturelle Multiplikatorin“. „Anfangs war ich etwas skeptisch, aber durch die Schulung sind wir alle gut auf die Aufgaben vorbereitet worden. Inzwischen sind wir zehn zu einem richtigen Team zusammengewachsen“, berichtet Stanojewic.

Der Austausch zwischen den Brückenbauerinnen ist ein zentrales Element des Projekts. Einmal pro Woche treffen sie sich zur projektinternen Teamsitzung. Dabei werden nicht nur konkrete Fallbeispiele besprochen, sondern auch Mängel im System diskutiert. „Wir sehen in unserer täglichen Arbeit, dass die Gruppe der Migranten groß ist. Hier ist nachhaltige Arbeit wichtig, die über den konkreten Einzelfall hinausgeht. Aber erst, wenn sie im System angekommen sind, werden auch Bedarfe geäußert. Grundsätzlich werden Angebote für ältere Menschen jedoch eher von der deutschen Bevölkerung genutzt. Es gibt zum Beispiel viele Seniorenfreizeitzentren, in denen noch nie ein Migrant aufgetaucht ist“, ergänzt Sari.

Das Brückenbauerinnen-Team

Das Brückenbauerinnen-Team mit Helena Miller (hinten, l.), Gordana Stanojewic (hinten, r.) und Projektleiterin Nazife Sari (vorne, 2. v. l.)

Brückenbauerinnen seit März 2016 im Einsatz

Die interkulturellen Brückenbauerinnen wurden nach ihrer Qualifikation vom Projektnehmer angestellt, ihre Vergütung orientiert sich an derjenigen der zusätzlichen Betreuungskräfte gemäß § 87b SGB XI. Die praktische Tätigkeit der Brückenbauerinnen hat im März 2016 begonnen und soll 30 Monaten lang andauern. In dieser Zeit unterstützen sie die Fachkräfte der vier Modell-Pflegestützpunkte und der anderen beteiligten Projektpartner (drei ambulante Sozialstationen, MDK) in der Arbeit mit pflegebedürftigen Ratsuchenden und/oder deren Angehörigen sprachlich und vor allem kulturvermittelnd. Dabei geht es nicht um die einseitige Vermittlung von Sachinhalten an die Pflegebedürftigen bzw. ihre Angehörigen, sondern um tatsächliche Kulturvermittlung, die die lebensweltlichen Wahrnehmungen und Empfindungen verschiedener Kulturen einschließt.

Helena Miller ist der Diakonie-Station Britz-Buckow-Rudow zugeteilt und macht Hausbesuche mit einer Pflegekraft. „Bei einem Hausbesuch zum Beispiel informierte die Pflegekraft über Möglichkeiten, die eine Familie mit pflegebedürftiger Mutter in Anspruch nehmen kann. Die Familie lehnte jedoch alles ab – im Nachhinein sprach mich aber die pflegende Tochter an und fragte mich um Rat, ob sie wirklich eine Haushaltshilfe beantragen kann. Sie schämt sich, dass sie als Tochter Hilfe in Anspruch nimmt – hier musste ich erst kulturelle Vermittlungsarbeit leisten, bevor sie den Antrag gestellt hat.“

Die angestrebte Sensibilisierung der Fachkräfte in den Pflegestützpunkten, den Sozialstationen und des MDK erfolgt nicht allein in der alltäglichen fachlichen Zusammenarbeit mit den Brückenbauerinnen. Sie wird ergänzt durch zwei Fortbildungsveranstaltungen zur interkulturellen Öffnung in den Einrichtungen der Pflege, an denen die am Modellprojekt beteiligten Fachkräfte aus den Pflegestützpunkten, dem MDK, den ambulanten Sozialstationen des Diakonischen Werkes gemeinsam mit den Brückenbauerinnen teilnehmen.

Gordana Stanojewic nimmt an einer Pflegeberatung teil

Gordana Stanojewic (ganz links) nimmt an einer Pflegeberatung teil

Nicht zuletzt will das Projekt Menschen mit Migrationsgeschichte für eine Qualifikation und Erwerbstätigkeit im Pflegebereich interessieren und motivieren. Die Brückenbauerinnen selbst sind gute Beispiele für dieses Ziel. „Insgesamt haben 18 Personen die Qualifizierung zur Brückenbauerin absolviert – leider konnten wir nur zehn für das Modellprojekt aussuchen. Von den übrigen acht sind jedoch fünf im Umfeld der Pflege geblieben, eine ist inzwischen sogar Betreuungsassistentin“, erläutert Nazife Sari.

Wissenschaftliche Projektförderung und -begleitung

Der GKV-Spitzenverband fördert das Projekt im Rahmen des Modellprogramms zur Weiterentwicklung der Pflegeversicherung und betreut das Projekt durch die im Verband angesiedelte Forschungsstelle Pflegeversicherung. Die Camino Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich gGmbH begleitet und evaluiert das Projekt aus wissenschaftlicher Perspektive. Die wissenschaftliche Begleitung wendet sich den drei Zielgruppen „Pflegebedürftige und pflegende Angehörige mit Migrationsgeschichte“, „professionelles Pflegepersonal“ und „interkulturelle Brückenbauerinnen“ zu. Sie untersucht für die erste Gruppe, die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen, vor allem die im Rahmen des Projektes erweiterten Nutzungsstrukturen, fortbestehende Hindernisse der Nutzung, offene Bedarfe und Wünsche der Zielgruppe. Erste Ergebnisse liegen inzwischen vor. Sie bestätigen die Vorannahmen: Gemessen an ihrem Anteil an der Wohnbevölkerung sind Ratsuchende mit Migrationshintergrund in den vier ins Projekt eingeschlossenen Pflegestützpunkten unterrepräsentiert, unter ihnen sind deutlich mehr Männer als unter den Ratsuchenden ohne Migrationserfahrung. Ratsuchende mit Migrationserfahrung bevorzugen die persönliche Kontaktaufnahme (64 Prozent), während Ratsuchende ohne Migrationshintergrund den Kontakt am häufigsten telefonisch suchen (60 Prozent). Menschen mit Migrationserfahrung nehmen die Option eines Hausbesuchs seltener wahr als die Vergleichsgruppe (31 zu 76 Prozent). Keine Unterschiede konnten zwischen Ratsuchenden mit Migrationshintergrund und Ratsuchenden ohne solchen festgestellt werden mit Blick auf: Anzahl der Beratungskontakte, Pflegestufe, Dauer der Leistung und die Beratungsthemen.

Mögliche Übertragbarkeit des Modellprojekts

Mit Blick auf das professionelle Pflegepersonal wird die Wirksamkeit der Sensibilisierungsprozesse untersucht; insbesondere sollen die eine interkulturelle Öffnung von Institutionen hemmenden Faktoren und hierzu entwickelte Lösungsvorschläge analysiert werden. Bei der Gruppe der interkulturellen Brückenbauerinnen schließlich stehen Fragen nach ihrer Qualifikation im Zentrum der wissenschaftlichen Evaluation. Übergreifend werden die förderlichen und hinderlichen Faktoren für die Erreichung der angestrebten Ziele untersucht, zudem werden die Nachhaltigkeit und die Übertragbarkeit des Modells eingeschätzt und die Bedingungen für einen erfolgreichen Transfer identifiziert.

Für die Brückenbauerinnen selbst steht bereits fest, dass sie ihre Tätigkeit als sinnvoll erachten. „Nach Ende des Projekts würde ich am liebsten weiter in der Betreuung von Pflegebedürftigen arbeiten“, so Helena Miller. Gordana Stanojewic ergänzt: „Ein großes Ziel ist natürlich die Ausbildung zur Pflegeberaterin. Ich glaube, das wünschen wir uns alle.“

Über die Autorin

Dr. Christiane Eifert

Autorin Dr. Christiane Eifert

Die Historikerin ist seit 2011 als Referentin in der Forschungsstelle Pflegeversicherung beim GKV-Spitzenverband tätig. Hier betreut sie schwerpunktmäßig Modellprojekte zur Weiterentwicklung der Pflegeversicherung, unter anderem das Projekt "Interkulturelle Brückenbauerinnen in der Pflege (IBiP)".